Live-Poker Etikette in Auszügen

Live-Poker Etikette in Auszügen

von Matthias Manhertz — 24.4.09

In der Hand-History darf ich auch immer die gemuckten Hände sehen…

Nachdem ich mit meinem letzten Artikel eventuell einige Online-Spieler auf die Idee gebracht habe, einmal Live-Poker im Casino zu spielen, möchte ich in diesem Artikel ein paar Hinweise zum richtigen Verhalten vor Ort geben. Das ganze ist übrigens nicht nur für Neulinge interessant, denn immer wieder fallen mir in den Spielbanken auch die “alten Hasen” durch völlige Missachtung grundlegender Etikette unangenehm auf.

Um den Lerneffekt möglichst groß zu halten, werde ich jeweils eine Situation beschreiben und dann anhand von Beispielen gute und weniger gute Verhaltensweisen aufführen. Also los geht’s:

Situation 1

Ich betrete das Casino und sehe einen leeren Stuhl an einem der Pokertische.

Mögliche Reaktionen
Falsch: Ich gehe direkt an den jeweiligen Tisch und setze mich, ohne zu fragen, auf den vermeintlich freien Platz. Zu den Chips, die dort bereits liegen, lege ich noch ein paar von meinen Geldscheinen dazu, um zu zeigen was für ein toller Hengst ich bin. Noch bevor mich jemand zurechtweisen kann, stecke ich mir meine iPod Kopfhörer in die Ohren, ziehe meine Schirmmütze noch tiefer über die Sonnenbrille und wundere mich, warum ich nicht endlich Karten bekomme.

Auch falsch: Ich gehe zum fraglichen Tisch und unterbreche den Dealer mitten in einer Hand, um ihn zu fragen, ob der Platz frei ist.

Richtig: Ich gehe zum Check-In Schalter bzw. Floorman und erkundige mich bei ihm, ob der fragliche Platz tatsächlich frei ist oder ob eine Warteliste existiert, auf der ich mich dann gerne eintragen lassen würde. Wenn der Platz frei oder meine Zeit auf der Warteliste gekommen ist, frage ich den Floorman freundlich, ob es in diesem Casino üblich ist, die erste Lage am Tisch zu kaufen oder ob er mir den Weg zur Kasse zeigen kann, an der ich mein Bargeld in Pokerchips tausche. An meinem Platz angekommen, grüße ich den Dealer und die Spieler freundlich und steige bei der nächsten Gelegenheit ins Spiel ein.

Situation 2

Am River halte ich die absoluten “Stone Cold Nuts”, z.B. vier Asse. Mein Gegner geht aus erster Position für insgesamt 2000€ All-In

Mögliche Reaktionen
Falsch: Ich warte genüsslich mehrere Minuten, um ihn in Sicherheit zu wiegen und calle dann, als wäre ich mir sehr unsicher. Nachdem er mir relativ siegessicher seine Straße zeigt sage ich: "Straße… sehr gut… ich habe “nur” zwei Paare: Asse… und… Asse!" Daraufhin lache ich laut los, führe einen kleinen Freudentanz auf und staple meine neu gewonnenen Chips ohne dem Dealer Trinkgeld zu geben. Kann der ja nix für, dass ich so ein toller Spieler bin.

Auch falsch: Ich insta calle, wie ich es bei Phil Helmuth im Fernsehen gesehen habe und decke sofort breit grinsend meine Asse auf. Als der Gegner daraufhin seine Hand verdeckt weglegen (“mucken”) möchte, bestehe ich darauf seine Hand zu sehen. Schließlich könnte mir das Informationen für zukünftige Hände geben und online darf ich in der Hand History auch immer die gemuckten Hände sehen. Ich staple meine nun knapp 6000€ in Chips und werfe dem Dealer ganz lässig in hohem Bogen einen Euro als Trinkgeld zu.

Richtig:Ich calle sehr schnell und decke meine Hand auf, sobald der Dealer um den Showdown bittet, da ich weiß, dass “Slowrolling” einfach unangebracht und ein wenig infantil ist. Natürlich bestehe ich nicht darauf die Hand meines Gegners zu sehen, denn selbst, wenn das Casino in welchem ich spiele, diese Regel noch verwendet, war sie ursprünglich nur dazu gedacht gegen Schummler vorzugehen. Würde ich sie hier verwenden, würde ich dem Spieler quasi Betrug vorwerfen oder eine Regel gegen ihren Sinn zu meinem Vorteil missbrauchen. Da dieser Pot deutlich größer war als ein durchschnittlicher gebe ich anschließend auch dem Dealer ein etwas größeres Trinkgeld in Höhe von einigen Small Blinds, die ich ihm ohne großes Aufsehen zu erregen zuschiebe.

Situation 3

Nachdem ich mich mit dem Minimum am Tisch eingekauft habe, konnte ich in den ersten paar Händen meinen Stack gleich vervielfachen und möchte nun meinen Gewinn sichern.

Mögliche Reaktionen
Falsch: Ich nehme einfach alles, was ich gewonnen habe, vom Tisch und stecke es in meine Hosentasche.

Richtig: Ich verstehe, dass es nicht gern gesehen und in der Regel auch verboten ist, Geld vom Tisch zu entfernen. Daher beende ich meine Pokersession schon nach wenigen Händen und erkundige mich beim Floorman wie lange ich nun warten muss, um wieder mit dem Minimum an den Tisch zu dürfen. (Oft ca. 1 Stunde.)

Auch Richtig: Ich vermute, dass es sich lohnen könnte, auch weiter an diesem loosen Tisch zu spielen. Anstatt meinen Gewinn zu sichern, nutze ich die Chance, ohne meine Bankroll anzugreifen, mit einem großen Stack zu spielen und evtl. noch viel mehr zu Gewinnen.

Situation 4

Auf dem dem Board liegt TJQK und auf dem River fällt das Ass. Ein Flush ist nicht möglich und es sind drei Spieler noch im Spiel. Auf Flop und Turn wurde viel gesetzt und es geht um einen großen Pot. Ich selbst habe vor dem Flop gefoldet und schaue bei dieser Hand nur zu.

Mögliche Reaktionen
Falsch: Ich sage laut: “Wow, die Straße auf dem Board… Jetzt habt ihr alle drei die Nuts!” noch bevor einer der verbliebenen Spieler eine Aktion tätigen konnte.

Auch falsch: Ich sage leise zu meinem Nachbarn: “Split Pot!”

Richtig: Ich weiß, dass es zu keinem Zeitpunkt während einer Hand angebracht ist, sich zu den Board-Karten zu äußern. Ich respektiere die “One Player to a Hand”-Regel, die besagt, dass jeder Spieler für sich selbst spielen muss. Das Board zu lesen und seine eigene Hand in Relation zu den offenen Karten zu bewerten, ist ein integraler Teil des Spiels und kein Spieler sollte dabei während einer Hand Hilfe bekommen. Daher bin ich ruhig, bis die Hand zum Ende gespielt wurde.